Ehemalige ÖH-Funktionäre

Wir haben ehemalige ÖH-Funktionäre zu ihrer Zeit in der ÖH und ihrer Sicht auf die Wahlen befragt:

Barbara Blaha

Josef Stockinger

Patrice Fuchs

Sigried Maurer

Barbara Blaha

Foto: Privat

Foto: Privat

Barbara Blaha begann schon früh ihr Interesse am politischen Geschehen zu zeigen, denn bereits vor ihrer Studienzeit engagierte sie sich in der Wiener Landesschülervertretung und Aktion Kritischer Schülerinnen und Schüler Wien(aks). 2002 inskribierte sie für das Studium der Germanistik an der Universität Wien und kandidierte für die ÖH-Wahlen 2005 als Spitzenkandidatin des VSStÖ. Schließlich übernahm sie 2006 auch die Funktion der ÖH-Vorsitzenden, bis sie sich 2007 entschied ihre Tätigkeit in der ÖH zu beenden. Heute ist sie Autorin, als Gründungsmitglied des Politikkongresses Momentum tätig und hat einen Sitz im Unirat der Universität Salzburg.

Die Zeit in der ÖH

Als Grund für ihre Kandidatur bei den Wahlen 2005 gibt Frau Blaha an, dass sie früh gemerkt habe „dass die Uni nicht gerade ein Ort des sozialen Fortschritts ist“ und sie dies schlicht gern zum Besseren ändern wollte. Ein Moment nach den Wahlen der ihr besonders in Erinnerung geblieben ist, war als ein Student am Infotisch vorbeikam und im Vorbeigehen meinte: Ich hab dich gewählt. Mach was draus.

Aber auch andere Ereignisse, wie der Morgen als das EUGH-Urteil verlautbart wurde und klar war, dass Zugangsbeschränkungen eingeführt werden würden oder der Nachmittag, an dem der damalige Bundeskanzler, Alfred Gusenbauer, die Nicht-Abschaffung der Studiengebühren als großen Erfolg der Sozialdemokratie in einer Pressekonferenz verkündete und die darauf folgende Krisensitzung sind Frau Blaha stark im Gedächtnis geblieben. Letzteres war auch der Grund für ihren Austritt aus der SPÖ 2007.

Rückblickend spricht sie jedoch sehr positiv über ihre Zeit in der ÖH.

„Man lernt unglaublich viel, wenn man sich entschließt sich in der ÖH zu engagieren: Zusammenarbeit in großen Strukturen, politische Streitkultur, die Finessen von demokratischer Willensbildung und öffentlicher Meinungsbildung. Man probiert viel aus, manches klappt, anderes nicht: Aber nur so entwickelt man sich auch weiter. Würde ich jedem und jeder raten, das mal auszuprobieren? Unbedingt!“

Auf die Frage ob ihr Mitwirken in der ÖH ihren weiteren Berufsweg geprägt habe, antwortete sie „unbeabsichtigt, möglicherweise„, denn wäre sie damals nicht aus der Partei ausgetreten, wäre sie vielleicht doch noch in der Politik gelandet. So, meinte sie, war schon während ihrer Zeit als ÖH-Vorsitzende klar, dass sie sich beruflich dahingehend nicht orientieren werde und begann, in einem Verlag zu arbeiten.

Sicht auf die kommende Wahl

Wir haben auch gefragt, warum ihrer Meinung nach ein teilweise eher geringes Interesse an den Wahlen bei den Studierenden besteht. Daraufhin erwiderte Frau Blaha, dass verglichen mit anderen Wahlen diesen Zuschnitts das Interesse, auch im internationalen Vergleich, gar nicht so gering sei. Allerdings sei der Einfluss der ÖH nicht auf den ersten Blick zu erschließen.

„Die ÖH kann weder Gesetze machen noch die Unibudgets anheben. Aber dank des Engagements der Studierenden werden verdammt dicke Bretter gebohrt – und das über Jahre. Die Wiederabschaffung der Studiengebühren ist hier genauso zu nennen, wie die Wiedereinführung der Direktwahl der ÖH: Für diese Dinge braucht man einen langen Atem und die Unterstützung der Studierenden. Also, hebt man die Welt aus den Angeln, wenn man seine Stimme zur ÖH-Wahl abgibt? Nein. Ist es trotzdem wichtig? Ja!“

 

Als Gründe warum man zur Wahl gehen sollte nannte sie uns, dass sich die Schwerpunkte, welche die ÖH in den kommenden beiden Jahren setzt, schlicht bei der Wahl entscheidet. Ob etwa Service und Politik zusammengedacht werden und wie kritisch sich die Institution gegenüber dem Wissenschaftsministerium äußert, könne jeder und jede mit seiner Stimme beeinflussen. Außerdem gibt es zum ersten Mal wieder die Möglichkeit, die österreichische Ebene direkt zu wählen, wofür die Studierenden jahrelang gekämpft haben, was ihrer Meinung nach ein Grund mehr ist um bei der ÖH-Wahl mitzuschneiden.

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Josef Stockinger

Foto: Oberösterreichische Versicherung AG

Foto: Oberösterreichische Versicherung AG

Der ehemalige oberösterreichische Landesrat der ÖVP für Agrarangelegenheiten Josef Stockinger kandidierte bereits in seinem zweiten Semester das erste Mal als Studienvertreter. Er studierte damals Rechtswissenschaften an der Johannes Kepler Universität Linz und war in den Jahren 1981 bis 1983 als erster Vertreter einer Bundesländer-Universität Vorsitzender der ÖH. Auch nach dem Abschluss seines Jusstudiums war er weiterhin politisch sehr aktiv und hatte mehrere Ämter inne, darunter Direktor des oberösterreichischen Bauernbundes, Abgeordneter im oberösterrichischen Landtag, sowie Landesrat. Ende 2010 gab Stockinger seinen Rückzug aus der Politik bekannt. Seit 2012 ist er Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Oberösterreichischen Versicherung.

 Die Zeit in der ÖH

Als ausschlaggebend für seine erste Kandidatur nennt Stockinger das Kennenlernen von ÖH-Aktivisten die mit ihm im Studentenheim wohnten und sein schon immer vorhandenes Interesse an Politik. Auch seinen Uni-Freundeskreis habe er in der ÖH gefunden.

Wir haben ihn gefragt, was ihm denn von seiner Zeit bei der ÖH stark in Erinnerung geblieben sei. Stockinger antwortete er habe „… mehr gelernt, als im restlichen Studium.“

„Man konnte ohne Risiko „on the job“ lernen. Von der Organisation bis zur Öffentlichkeitsarbeit, vom grafischen Gestalten bis zur Sitzungsführung und Strategieplanung. Außerdem haben wir Argumentieren gelernt. Dazu war es gut, manchmal auch ungewöhnliche Positionen argumentieren und verteidigen zu müssen.“

Desweiteren sprachen wir ihn auf seine Zeit als Vorsitzender der ÖH an und fragten, welche positiven und negativen Aspekte dies mit sich brachte. Er erklärte, auf der der positiven Seite stünde, viele neue Leute kennen gelernt zu haben und dass dieses Netzwerk bis heute noch besteht. Auf der negativen Seite stünde ein stark überzogenes Bankkoto am Ende des Studiums, welches außerdem durch die ÖH länger andauerte als geplant. „Ich bereue nichts!“ lautet sein Fazit dazu.

Wie die ÖH seinen Berufsweg beeinflusst hat ist für Josef Stockinger klar:

Ich bin über drei Jahrzehnte in der Politik geblieben und habe durch die Bekanntheit aus der ÖH-Zeit natürlich profitiert.

Die schnelle Reaktionsfähigkeit und das Komprimieren komplizierter Dinge auf den wesentlichen Inhalt habe ich in der ÖH gelernt. Das hat mir später enorm genutzt.

Sicht auf die kommende Wahl

Ebenso klar ist für den ehemaligen ÖVP-Vertreter warum seitens der Studenten ein eher geringes Interesse an den bevorstehenden ÖH-Wahlen herrscht. Seiner Meinung nach wäre das nie anders gewesen und der heutige Druck auf Studenten sei im Gegensatz zu früher auch noch gewachsen. „Das ist natürlich für das ÖH-Engagement und ÖH-Interesse wenig unterstützend!“, so Stockinger.

Auch warum es für Studenten wichtig ist zu wählen, hat er eine unmissverständliche Antwort:

„Weil die ÖH wesentliche Mitgestaltungsmöglichkeiten hat und jeder Student wissen muss, dass diese Mitgestaltungsmöglichkeiten aus unterschiedlichen ideologischen Positionen auch unterschiedlich ausgeübt werden. Es wäre schade, wenn eine kleine Minderheit die ÖH-Politik in eine Richtung treibt, die nicht der Mehrheit der Studenten entspricht.“

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Patrice Fuchs

Foto: Lenni Fuchs

Foto: Lenni Fuchs

Die gebürtige Schwedin Patrice Fuchs begann mit 24 ihr Studium der Psychologie und parallel dazu Fotografie an der Universität der bildenden Künste in Wien. 2001 wurde sie Sachbearbeiterin für „Studieren mit Kind“ der ÖH und 2003 wurde sie zur Bundesvorsitzenden der ÖH gewählt. Sie bloggt derzeit auf www.familie-rockt.com (seit 2012, zuvor www.babyblog.at), den sie 2010 gründete und zu dem viermal jährlich auch ein gleichnamiges Printmagazin erscheint.

Die Zeit in der ÖH

Als Hauptgrund der ÖH beizutreten nennt Fuchs, dass es „in [der] ‚erwachsenen‘ Politik“ ohne die richtigen Freunde unmöglich ist etwas zu bewirken. Dies sei in der ÖH grundlegend anders und für sie sei dies „ein großes Abenteuer und eine Möglichkeit“ die sie ergreifen wollte.

Auf die Frage, was ihr denn von ihrer Zeit in der ÖH am stärksten in Erinnerung geblieben ist, berichtete sie uns von einem Event das sie mitorganisierte, bei dem israelische Studenten zu Gast waren, um von ihrem Alltag zu erzählen und wie die Bedrohung von palästinensischen Raketen für diese spürbar sei. Schon im Vorfeld wurde die Veranstaltung von verschiedenen politischen Gruppen und ÖH-Funktionären angefeindet. Deswegen wurde ein Kompromiss gefunden, dass von diesen Gegnern eine ähnliche Veranstaltung mit palästinensischen Studenten organisiert werden sollte. Für die zu der Zeit hochschwangere Fuchs verlief der Abend in höchster Anspannung, da islamistische Bewegungen mit Bombenanschlägen drohten und dadurch der Campus mit Geheimdienstkräften geflutet war, wodurch die Gefahr erst recht greifbar wurde. Die Veranstaltung verlief jedoch reibungslos und das palästinensische Event kam nie zustande, da sich die Verantwortlichen nicht die Mühe machten.

Desweiteren fragten wir, welche positiven und negativen Eigenschaften es habe, ÖH-Vorsitzende zu sein. Fuchs antwortete, dass sie es wurmte weniger Zeit für ihre Kinder gefunden zu haben:

„Mein erster Sohn war ca. 2 Jahre alt, als ich ÖH-Vorsitzende geworden bin und ich hab jedes Wochenende Termine gehabt. Das war manchmal hart. Dann hab ich auch während meinem Vorsitz mein zweites Kind bekommen und bin nach vier Wochen wieder auf die ÖH zurück. Also diese zwei Jahre waren sehr intensiv!“

Auf der positiven Seite stünden viele Errungenschaften: Kampagnen planen und durchziehen, Texte von ihr die abgedruckt wurden, inhaltliche Weiterbildung, konzipierte Kinoclips, die Umsiedelung der gesamten ÖH, nachdem man ihnen von der alten Adresse gekündigt hatte, veranstaltete Demos und die Verhinderung der Verschlechterung des Studienbeihilfegesetzes durch politische Arbeit. „Das alles und viel mehr, prägt natürlich mein Leben!“, beendet Fuchs ihr Fazit.

Wenn ihr Leben durch die ÖH geprägt wurde, dann auch ihr Berufsweg? Fuchs erzählte uns, dass durch Interviewsituationen, während ihrer Zeit in der ÖH, die Chefin eines Magazins auf ORF1 auf sie aufmerksam wurde, wodurch diese ihr eine Chance bot, welche Fuchs sofort ergriff. Desweiteren sei sie zwar nie in der SPÖ verankert gewesen, habe aber dort aus der Zeit in der ÖH einige gute Freunde, welche parteinah arbeiten und ihr manchmal weiterhelfen können. Beispielsweise drehe sie zur Zeit eine Dokumentation über die Arbeiterbewegung und kann durch ihre Connections relativ problemlos an Informationen kommen. „Insgesamt ist es natürlich kein Nachteil, dass ‚man mich kennt‘.“

Sicht auf die kommende Wahl

Fuchs‘ Theorie zur Frage, warum ihrer Meinung nach seitens der Studenten ein eher geringes Interesse an den Wahlen herrscht, ist, dass durch das neue HSG die Macht der ÖH stark eingeschränkt wurde und es die ÖH zur Zeit grundsätzlich seltener schafft in den Medien zu erscheinen. Außerdem sei die ÖH-Politik „nicht vergleichbar wichtig und stringent […], wie die Bundespolitik.“. Deshalb finde sie die durchschnittlich 30% Wahlbeteiligung „ganz passabel“. Zusätzlich könnte die neuerliche Demokratisierung des HSGs dazu führen, dass die ÖH wieder auflebt, so Fuchs.

Abschließend stellten wir die Frage, warum es denn ihrer Meinung nach wichtig sei, dass die Studenten zur Wahl gingen.

„Die ÖH gibt sehr viele Informationsbroschüren heraus, leistet viele 1000 Stunden Beratungstätigkeit und ist DIE Stimme der Studierenden in der gesellschaftspolitischen Landschaft Österreichs. Warum sollte man daran nicht teilhaben? Und immer wieder gelingt es der ÖH auch wirklich kleine und große politische Erfolge zu verbuchen und die Diskurse anzutreiben. […] Das hat nur Gutes!“

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Sigrid Maurer

Foto: Johanna Rauch

Foto: Johanna Rauch

Die Tirolerin Sigrid Maurer studierte von 2004 bis 2008 Musikwissenschaften, Politikwissenschaften und Volkswirtschaft an der Universität Innsbruck. Sie beendete diese Studien zwar nicht, jedoch engagierte sie sich ab 2005 in der ÖH in der Partei GRAS. Schließlich wurde sie 2009 auch zur ÖH-Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt übte sie bis 2011 aus. In dem selben Jahr begann sie auch ihr Soziologiestudium an der Universität Wien und seit Oktober 2013 ist sie Abgeordnete zum Nationalrat bei den Grünen.

Die Zeit in der ÖH

Ihr Ausgangspunkt für ihr Engagement bei der ÖH war, dass ihre damalige Studienrichtung Musikwissenschaften abgeschafft werden sollte. Über diesen Protest rutschte sie in die ÖH, meinte Maurer, daraufhin war sie lange im Senat, in der Bundesvertretung der ÖH und auch auf europäischer Ebene aktiv. Als Grund für die Entscheidung zur Kandidatur bei den ÖH-Wahlen, gibt sie an, dass sie die studierendenfeindliche Bildungs- und Wissenschaftspolitik sehr wütend gemacht habe.

Stark in Erinnerung geblieben sind ihr, der große Arbeitsaufwand, die prekären Arbeitsbedingungen und dass der ständige Kampf sehr mühsam war. Aber auch an positive Dinge, wie die Teamarbeit mit gemeinsamen Zielen oder dass mit den #unibrennt Protesten endlich eine breite Debatte über Unis und Bildung entstand, erinnert sie sich. Als einen negativen Aspekt am ÖH-Engagement nennt Frau Maurer, den großen Stress bei geringer Entschädigung. Denn sollte man diesen Job ernsthaft betreiben, bedeutete dies 60 Stunden Arbeit pro Woche, wofür 400€ zu wenig waren, erklärte sie.

Auf die Frage, wie die ÖH ihren weiteren Berufsweg beeinflusst habe, antwortete sie:

„Ich hätte ohne die ÖH wohl nicht erkannt, dass Politik mir so viel Spaß macht und dass mir Dinge wie die politische Auseinandersetzung oder die Medienarbeit gut liegen. Und ohne ÖH wäre ich wohl heute auch nicht im Nationalrat, obwohl ich mir das während der ÖH-Zeit gar nicht vorstellen konnte.“

Sicht auf die kommende Wahl

Zu dem geringen Wahlinteresse bei den Studierenden meinte sie, dass die Wahlbeteiligung ähnlich wie bei der Kammerwahl ist und dies nicht so unüblich sei. Dazu komme, dass zwei Drittel aller Studierenden durchschnittlich 20 Stunden pro Woche arbeiten und die Uni nur ein Teil ihres Alltags sei. Somit habe die Wahlbeteiligung auch etwas damit zu tun, wie viel Zeit die Studierenden an den Unis verbringen und ob beziehungsweise was sie von den Wahlen mitbekommen würden.

„Die ÖH ist Anwältin der Studierenden, aber sie ist und war auch immer eine wichtige Playerin in gesellschaftspolitischen Diskussionen: wer soll progressive Politik betreiben, wenn nicht junge, kritische Menschen? Auch die konservative Aktionsgemeinschaft hat sich früher immer auch in gesellschaftspolitische Debatten eingebracht. Wem nicht wurscht ist, von wem und mit welcher Politik er oder sie gegenüber dem Ministerium und in der Öffentlickeit vertreten wird, sollte jedenfalls wählen geht.“

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Text: Silvio Schmidt, Verena Maria Bauer